Screenreader und gendersensible Sprache

Gendern hat keinen Einfluss auf die Barrierefreiheit. In diesem Artikel erkläre ich, wie sich Screen Reader beim Genderstern und Co verhalten und was es zu beachten gibt.

Ich werde hin und wieder gefragt, wie sich Screen Reader bei der Nutzung von gendersensibler Sprache verhalten und wie man denn nun am besten gendern sollte, ohne die Barrierefreiheit zu beeinträchtigen. Dieser Post soll einen kleinen Einblick in die technischen Entwicklungen und meine persönlichen Nutzungsgewohnheiten geben.

Sprachausgabe-Technologie

Zunächst möchte ich das Problem einmal von Screen Reader-Software selbst entkoppeln, denn es betrifft nur eine einzelne Komponente davon, die aber auch abseits viele Einsatzgebiete findet. Beispielsweise wird Text To Speech auch in Sprachassistenz-Systemen wie Siri und Alexa verwendet, sie sagt die Haltestellen im öffentlichen Personenverkehr an oder navigiert Autofahrende an ihr Ziel. Synthethische Stimmen sind daher für viele Menschen allgegenwärtig, und sollten in einigen Situationen gendergerechte Sprache anwenden. Das betrifft also nicht nur uns blinde und sehbehinderte Nutzer*innen in sozialen Netzwerken.

Die Nicht-Nutzung von gendersensibler Sprache sollte daher nicht von blinden und sehbehinderten Nutzer*innen abhängen, sondern von den Menschen, die sich dadurch mehr Repräsentation in der cis-männlich-geprägten Gesellschaft erhoffen, statt immer nur mitgemeint zu werden. Anwenden sollten diese Definition dann auch, wie die jeweils persönlichen Pronomen, aber alle, um dieses Ziel zu unterstützen.

Behinderung im Alltag

Screen Reader-Nutzende haben üblicherweise das Ziel, Meta-Inhalte und Informationen so schnell wie möglich zu verarbeiten und zu rezipieren, da es ohne zu Sehen sehr schwierig ist, diese zu überfliegen und nur teilweise zu erfassen. Ein Screen Reader kann Inhalte nur in chronologischer Reihenfolge und immer nur ein Element auf einmal per Sprachausgabe oder Braille darstellen. Redundante Informationen sind daher oft belastend, da sie Zeit rauben und sich Texte nicht mehr so effizient wie möglich verarbeiten lassen. Hier vermuten viele Sehende auch die Barriere, die Gendersternchen oder andere Symbole darstellen könnten. Die Information "Stern" oder "Unterstrich" verzögert die Sprachausgabe des restlichen Textes und kostet Zeit. Bei längeren Texten ist das aber deutlich weniger relevant, da man insgesamt weniger navigieren muss und auch typischerweise auf keine interaktiven Elemente trifft. "Stern" und "Unterstrich" innen stört hier weniger - man kann sich daran gewöhnen und es ist nicht so schlimm, wie es sich erstmal anhört.

Was können Screen Reader-Nutzende tun?

Mit fast allen Screen Readern ist es möglich, ein individuelles Aussprachewörterbuch anzulegen, mit Einträgen wie folgenden:
"*in" -> " in"
"*innen" -> " innen"

Das verändert die Sprachausgabe individuell, korrigiert die Aussprache und vermindert die Irritation durch das kontextlose Sternchen im Text. In der Praxis nehme ich solche Änderungen selbst nicht vor, da sie auch mit einem Informationsverlust einhergehen. Hätte ich z.B. eine mathematische Formel vor mir, in der etwas "mal i n" genommen wird, wäre durch eine solche Änderung die Information "mal", die vom Kontext abhängig ist, verloren.

Ich nutze das Sternchen dennoch, da ich dessen verbreitete Akzeptanz in der Community wahrnehme, der ich zuvor Definitionshoheit zugesprochen habe und mich auch selbst dort verorte. Andere Zeichen wie den Unterstrich oder den Doppelpunkt habe ich für eine gewisse Zeit selbst genutzt und bevorzugt, bin aus diesem Grund aber davon abgekehrt. Diese haben den Vorteil, dass sie aus ihrer technischen Natur nicht in anderen Kontexten vorkommen und daher auf jeden Fall gleich ersichtlich ist, was deren Zweck ist. Aber auch dieser Zweck verlangsamt das Lesen nach wie vor.

Moderne Sprachausgaben und selbst testen

Moderne Sprachausgaben können mit Gendersternchen oft schon von Haus aus umgehen, ohne dass eine Konfiguration durch die Nutzenden notwendig ist. Sie prüfen in den meisten Fällen kontextabhängig, ob es sich um eine gegenderte Schreibweise handelt.

  • Influencer*innen und Nutzer*innen.
  • Influencer_innen und Nutzer_innen.
  • Influencer:innen und Nutzer:innen.
Bei den verbreiteten Stimmen der Firma Nuance erzeugen aktuelle Versionen für alle diese drei Beispiele eine identische, korrekt gegenderte Ausgabe. Es ist daher erstmal egal, welche nun verwendet wird. Auch Googles eigene Sprachsynthese gendert korrekt, in diesem Fall aber nur mit dem Sternchen. Der Unterstrich wird gelesen und der Doppelpunkt erzeugt eine sehr lange, unnatürliche Pause, die ich sogar als störend empfinde.

Der Doppelpunkt wird aktuell von vielen Leuten genutzt, die denken, dieser wäre die beste Option für Screen Reader. Dem kann ich mich insoweit anschließen, dass ältere Versionen der Sprachausgabe diese Regeln noch nicht implementiert hatten und auch dort die Zeichen normal vorgelesen wurden. Und auch manche aktuellen und verbreiteten Sprachausgaben kommen immer noch nicht mit eingebauten Regeln für das Sternchen, sodass zum Beispiel Apple-Nutzer*innen eben "Apple Nutzer Stern innen" gehört haben müssten. Hätte man einen Doppelpunkt genutzt, gäbe es auch dort eine Sprechpause.

Ein Überblick über alle genutzten Sprachsynthesizer ist leider nicht möglich, da es sehr viele verschiedene Angebote gibt, die auch für unterschiedliche Situationen jeweils unterschiedlich geeignet sind. Der Doppelpunkt ist meiner Meinung nach die am besten rückwärtskompatible Lösung, um eine halbwegs korrekte Aussprache bei Screen Readern zu erzeugen. Die Pause ist aber häufig länger als die Aussprache "Stern" und hat deshalb natürlich auch das Potential zur Irritation, da man so annehmen könnte, ein Satz wäre zu ende. Auch deshalb bleibe ich beim Genderstern, da ich glaube, dass er in Zukunft die am weitesten verbreitete Lösung sein wird. Und wenn das nicht eintritt, dann werde ich meine Gewohnheiten auch wieder verändern. Wir alle haben ja die Möglichkeit, uns an sprachliche Veränderungen anzupassen.

Und am Ende geht es bei gendersensibler Sprache ja auch um genau das. Aufmerksam machen auf die unterschiedlichen Geschlechter und Identitäten, die unsere Gesellschaft bereichern und inklusiver machen. Nicht darum, dass alles immer nur in einer Form geschrieben wird, in der manche eben angeblich nur mitgemeint sind. Dadurch büße ich minimal an Effizienz ein, werde aber auf genau das Aufmerksam. Das ist ein guter Deal.